Besuch bei den freiwilligen Rettern von Tignale - TIGNALE SOCCORSO

01.11.2017, 18:00 Uhr

Freiwillige Feuerwehr und wie die ehrenamtlichen Helfer so ticken ist immer ein spannendes Thema. Was läuft bei den anderen Wehren? Wie packen sie Probleme an? Was kann ich mir abschauen oder wo kann ich Tipps geben? Richtig interessant wird es also, wenn man über den Tellerrand der heimischen Wehren sehen kann. Deshalb nutze ich jede sich mir bietende Möglichkeit auch im Ausland mich zu erkundigen wie die Wehren ihre Aufgaben bewältigen und welche Lehren sie aus den Einsätzen ziehen.

In diesem Jahr war ich einmal wieder am Gardasee unterwegs. Wer am Gardasee mal nach einer Feuerwehr gesucht hat, wird mir zustimmen, dass es sehr schwierig ist eine Wehr zu finden.

Es gibt die Berufsfeuerwehren Saló, Bardolino und dann kommt erst einmal lange nichts. Im Süden kommt dann noch irgendwann die Berufsfeuerwehren Brescia und Verona.

Seit nicht all zu langer Zeit gibt es auch eine Feuerwehr in Desenzano sul Garda.

Im Norden hingegen hat die Beobachter das Gefühl, dass die Wehren nur so aus dem Boden sprießen. Das stimmt auch. Während die größten Teile des Gardasees zur Lombardei gehören, die von der Zentralregierung in Rom aus mit den Brandschützern versorgt werden, gehören ab Riva del Garda die Gemeinden und Städte zu Trentino, Südtirol. Dort hat man schon lange verstanden, dass ein System mit freiwilligen Feuerwehren einfacher größere Flächen abdecken kann. Vorzeigewehr ist mit Sicherheit Riva del Garda, wobei die Partnerwehr von Bensheim in Hessen schon seit 150Jahren besteht und somit nicht zu den neuen Wehren gezählt werden kann. Die Wehr mit ihrem riesigen Gerätehaus im Herzen von Riva ist auf jeden Fall einen Besuch wert ( ich berichtete am 27.10.2011 ).

Wie bereits erklärt sieht es in der Lombardei hingegen etwas anders aus und gerade die höher gelegenen Orte wie Tignale sind nur sehr schwer und mit erheblicher Zeitverzögerung von den Hilfsdiensten zu erreichen.

In den Bergen im Westen des Gardasees und 490 Höhenmeter über dem See gelegen, liegt die kleine Verbandsgemeinde Tignale. Die Verbandsgemeinde ist sehr touristische geprägt. Zahlreiche Hotels und Ferienhäuser prägen die Straßenbilder der kleinen, idyllischen und malerischen Gemeinden. Weniger malerisch sind die Hilfsfristen in den Berggemeinden, welche nur über wenige und teils sehr steile Serpentinen zu erreichen sind. 45Minuten brauchen die Wehren und Rettungsdienste aus Salò und Riva del Garda. Zu lange fanden die Bewohner von Tignale und so setzten sie alle Hebel in Bewegung und stampften einen kompletten Rettungsdienst und eine Freiwillige Feuerwehr aus dem Boden. Während der Rettungsdienst eher Problemlos erlaubt wurde, behielt sich die Zentralregierung aber den Gebäudebrandschutz vor. Deshalb übernahmen die freiwilligen Retter nur den Waldbrandschutz. Diese Aufgabe übernahmen sie quasi von der zuständigen Forstverwaltung. Die TIGNALE SOCCORSO war geboren.

Bei meinem Besuch empfing uns der Wehrführer Marco sehr herzlich und zeigte uns stolz das Werk seiner Truppe.

Für die Waldbrandbekämpfung halten die Wehrleute einen Mitsubishi L200 mit einer aufsattelbaren Hochdrucklöscheinheit vor. Auch aufsattelbar ist die große Waldbrandwechselbrücke. Diese wird im Alarmfall auf einen Unimogähnlichen LKW der Forstverwaltung aufgeladen und befestigt. Für Verkehrsunfälle haben die Wehrleute gerade erst einen neuen Vorausrüstwagen in Dienst gestellt. Dieser war aber leider während des Besuchs noch einmal in einer technischen Überprüfung im Werk, da einige Tage später eine große Retter-Messe in Tignale stattfinden sollte, bei der er ausgestellt werden sollte und naürlich alles perfekt sein musste. Für Transportaufgaben im unwegsamenn Gelände halten die Retter den ganzen Stolz von Marco vor. Einen 40.000€ teuren ATV vom Typ Polaris XP 900 Efi. In den Bergen von Tignale, verrät uns Marco, hat sich das Fahrzeug schon hundertfach bewehrt.

Kommt man zum zweiten und in ihrem Rahmen noch bedeutenderen Aufgabenbereich der Wehr, dem Rettungsdienst, so bemerkt man auch sehr schnell, dass hier Praktiker am Werk sind.

Die beiden vollausgestatteten Rettungswagen sind auf VW T5 und T6 aufgebaut. Warum diese Fahrgestelle und keinen Sprinter zum Beispiel, mag sich da der ein oder andere fragen. Marco sah mir die Frage offensichtlich auch direkt an und seine Antwort war ebenso simple wie einleuchtend. Zu groß und kein Allrad oder Allrad und dann noch viel größer! Und große Fahrzeuge, so erklärte er weiter, kann man auf den Straßen in den Bergen am Gardasee nicht gebrauchen. Doch es geht auch noch kleiner und noch enger. Dann nämlich wenn es auf die zahrleichen Wanderwege geht. Dann kommen noch nicht einmal die VW-Rettungswagen weiter. Dann braucht man Spezialgerät. Wer jetzt an einen Unimog oder etwas dergleichen gedacht hat wird sich wundern. Aus einer kleinen Ecke neben der Fahrzeughalle kommt plötzlich ein kleiner Rettungswagen gefahren. Voll-LED, komplette RTW-Beladung und die selbe Fahrtrage wie seine großen Brüder. Mit diesem Mini-RTW, der hier in Deutschland leicht für ein ausser Kontrolle geratenes Reitschulauto gehalten worden wäre, fahren die TIGNALE SOCCORSO – Retter in die Wälder, laden die Patienten ein und bringen sie zu einem Treffpunkt, an dem dann in einen der beiden größeren Wagen umgeladen wird.

 

Nach der Fahrzeugvorführung führt uns Marco durch seine Wache. Im Funk- und Aufenthaltsraum steht stolz auf einem Stein der Banner der TIGNALE SOCCORSO umrahmt von der italienischen und der europäischen Fahne. An der Wand hängen Mützen von Besuchern. Auch Berliner Kameraden waren schon hier. Typisch italienisch ist dann auch gleich die erste Amtshandlung der Führung: Wir werden auf einen Caffé eingeladen.

Marco erklärt uns, dass es drei Sorten von Rettern in Tignale gibt. Der reine Feuerwehrmann, der reine Rettungsdienstler und der Allroundretter. Welche Aufgabe ein Freiwilliger innerhalb der Wehr übenehmen möchte bleibt ihm überlassen. Für jede Aufgabe halten die 50 Kameraden die entsprechende Ausrüstung bereit. Dünne Nomexanzüge und Gallethelme für die Waldbrandbekämpfung und sehr auffällige Rettungsdienstkleidung.

Und alles aus der eigenen Tasche bezahlt! Die einzige Unterstützung der Gemeinde sind Zuschüsse zu den Unkosten wie Treibstoffe, Reparaturen und der Gebäudeunterhaltung. Eine wirklich beeindruckende Leistung, betrachtet man sich die nahezu nagelneue Wache und die Ausrüstung der freiwilligen Retter.

 

Die Frauen und Männer der TIGNALE SOCCORSO sorgen dafür, dass die Touristen ihren Urlaub in den Bergen am Gardasee auch in Zukunft unbeschwert genießen können.

 

Mille grazie a Marco per il benvenuto matey!

Autor: .
Informationen:

Personen: 2 (Oppenheim)

Dauer: 1.5 h

Klassifizierung: SL

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